Elvis im Himmel - Ein Klartext von Brigitte Harries

Die “Klartexte” sind Texte der bekannten Expertin für Hundeerziehung und -verhalten Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.

Mit Elvis geht es schnell aufwärts. Am Eingang zum Hundehimmel erwartet ihn Harras, der schon fast fünfzig Jahre hier zu Hause ist und Elvis als Pate die Eingewöhnung erleichtern soll. Harras bietet dem Neuen einen Kalbsknochen an und versucht mit ihm ins Gespräch zu kommen. Elvis schnuppert irritiert an dem duften Ding und meint: „Ist das eine Götterspeise? So was kenne ich gar nicht!“
Harras will Vertrautheit schaffen und erzählt von sich:

„Ich war 9 Jahre Hofhund in unserem Dorf. Meine Kette war ziemlich lang, bestimmt 4m, und in meine gemütliche Holzhütte regnete es nicht rein und ich bekam einmal im Monat eine dicke Schicht frisches Stroh. Meine Hütte stand vor dem Haus, in dem mein Menschenrudel lebte. Das Essen war o.k. Oft bekam ich würziges Brot, mit dem die Pfannen und Töpfe ausgewischt worden waren, oder Kloßbrühe mit Kartoffeln und Brot und Fleischabfällen. Und manchmal gab’s auch Knochen und das Beste waren die Gedärme von Kaninchen, die mein Rudel-Chef geschlachtet hatte. Mein Rudel bestand aus dem Bauern und seiner großen Familie. Sie gingen oft über den Hof oder arbeiteten dort und manchmal haben sie mich dann sogar angeredet oder gestreichelt. Und sonst freute ich mich an ihrem vertrauten Duft.

Ich kannte im Dorf so ziemlich alle wichtigen Geräusche und Düfte und natürlich kannte ich den Briefträger und ein paar andere persönliche Feinde. Gewiss, manchmal war mein Trinkwasser moderig und stank, manchmal lag auch viel Kot rund um mich herum, aber ich habe viel erlebt. Einmal hatte ich eine heftige Beißerei mit dem Rüden vom Nachbarhof, der sich losgerissen hatte, zweimal habe ich eine unvorsichtige Katze erwischt und mehrmals vorwitzige Vögel, ich hatte - leider viel zu selten!!! - tollen Sex mit geilen Hündinnen, die heiß auf mich und ihren Besitzern weggelaufen waren, und kurz nach meinem neunten Geburtstag hat mich der Bauer erschossen, weil ich altersschwach war und es mit den Gelenken hatte, und dabei hatte er feuchte Augen. Begraben wurde ich nahe bei der Gartenbank und mein Rudel redet noch manchmal von mir, wenn es dort sitzt.

Elvis zögerte einen Moment von sich zu erzählen. Er hatte Angst, der alte Dorfhund würde neidisch werden:

„Ich hatte eine gute Kinderstube und einen Stammbaum und einen Impfpass und mal ein eigenes Zimmer im Hobbykeller und mal einen Korb im Flur und mal durfte ich sogar mit ins Bett, das war, glaube ich, bei meinen dritten Leuten. Ich bekam Feinschmeckermenues , die extra für mich gekauft wurden, und ich wurde in einen Hundekindergarten geschickt und in Welpenspielstunden und zu einer Tagesmutter und ich habe mehrmals Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hundehotel gemacht und, als ich mein neues Hüftgelenk bekam, war ich einige Tage in einer Tierklinik. Ich hatte auch Privatlehrer und verschiedene Ärzte und Tierheilpraktiker und einen Super-Hundefrisör und Accessoires für jeden Anlass“.


Elvis kam mehr und mehr ins Angeben: “Und ich hatte auch ganz viele Besitzer, weil die Menschen oft plötzlich arbeiten müssen oder umziehen oder auswandern wollen oder sich scheiden lassen oder krank werden oder kein Geld mehr für die Hundesteuer haben oder eine Tierhaarallergie entwickeln oder einen anderen Hundetyp chic finden. Mir blieb meist kaum Zeit, Freundschaft mit Menschen zu schließen und ich habe es schließlich auch gar nicht mehr versucht. Ich nahm sie, wie sie kamen und gingen. Als ich dann schwerhörig und lahm und wohl auch etwas stur wurde, ertrug mein letzter Besitzer es nicht, mich so dahinaltern zu sehen, weil ihn das zu sehr an sein eigenes, unausweichliches Altwerden erinnerte. Er scheute keine Kosten und gab mich in eine Hundpension mit angeschlossenem Hundealtersheim, wo sich ein ganzes Team mit vielerlei Therapien um mein Wohlbefinden bemühte. Als es für mich trotz Chemotherapie ans Sterben ging, war gerade Dienstwechsel im Heim und deshalb hat keiner mitbekommen, dass es mit mir zu Ende ging. Zunächst kam ich in die Kühlung, dann ins Krematorium und dann wurde meine Asche auf einem Hundefriedhof begraben, mit Stein und so.“
Harras sah irgendwie erschrocken aus. Eine Weile war es ganz still.

Plötzlich meinte Elvis: „Du, was ich dich noch fragen wollte: Du hast vorhin immer von deinem Rudel erzählt und von Sex. Was ist das eigentlich, ein Rudel, Sex? So was habe ich nie kennen gelernt.“

Wenn Sie mehr von Brigitte Harries lesen möchten, klicken Sie bitte hier.

www.der-tierarzt-raet.de