Klartext “Bissige Halsbänder” von Brigitte Harries

Die “Klartexte” sind Texte der bekannten Expertin für Hundeerziehung und -verhalten Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass Hundehalter ihre Hunde selbstverständlich lieben und überhaupt die besseren Menschen sind.
Wenn man die Hunde-Bedarfs-Artikel-Industrie betrachtet, muss man erkennen, dass viel für die vierbeinigen Lieblinge ausgegeben wird. Ausgehungert und ohne hübsches Halsband läuft kaum noch ein Hund durch Deutschlands Straßen. Es gibt zwar ohne Zweifel auch viele arme Hunde, die hinter verschlossenen Türen gequält werden. Da Hundegeburten nicht in einem zentralen Geburtenregister dokumentiert werden, vegetiert so mancher Hund unter Ausschluss der Öffentlichkeit dahin und geht auch im Stillen elend zugrunde. Die für den Hund etwas harmlosere Quälerei ist da schon, ihn an einer Autobahnraststätte anzubinden und sich aus dem Staub zu machen. So bleibt dem Hund eine Chance auf ein besseres Leben…
Von all diesen Quälereien will ich aber gar nicht reden. Mir geht es um die ganz öffentlichen Quälereien, die übersehen oder als normal hingenommen und oft sogar gut geheißen werden. Je großwüchsiger und vitaler ein Hund ist, umso größer sind seine Aussichten, über Jahre tagtäglich mit einem Stachelhalsband traktiert zu werden. Ohne jegliches schlechte Gewissen führen Menschen ihren Hund mit Stachelhalsband durch Fußgängerzonen und womöglich sogar in Auslaufgebieten an langer Flexi-Leine, wo er erst Schwung holen kann, bevor er in die Stacheln rennt. Jahrelang erlebte ich auf VDH-Hundeausstellungen einen blinden Mann, der auf der Show-Bühne die verlässliche Arbeit seiner Blindenhündin, einer Schäferhündin, vorführte und viel von Teamgeist, von Partnerschaft und wahrer Freundschaft sprach, während sie am Stachelhalsband ( zusätzlich zum Führgeschirr) neben ihm lief…
Erst gestern äußerte sich ein Hundeflüsterer im Fernsehen auf Nachfrage zum Stachelhalsband und sagte sinngemäß, es würde es ‚eigentlich’ ablehnen, allerdings würde es ja keine Verletzungen machen, es würde in etwa wie zubeißende Zähne wirken und bei einem von hundert Hunden würde er es anwenden.
Das nenne ich wahre Pädagogik; Wenn ein Hund sonst nicht hören will, dann muss er eben fühlen. Er hat ja selber Schuld! Kennt man das nicht von prügelnden Eltern, die meinen, es ja vorher im Guten versucht zu haben, ihr Kind wäre aber nur durch Prügel erziehbar?
Und so werden weiterhin Stachelhalsbänder ganz legal verkauft, sie heißen allerdings manchmal nicht mehr Stachelhalsbänder, sondern Korallenhalsbänder. Korallen sind doch was harmlos Hübsches und in der Regel abgerundet. Insofern passt der Name sogar, denn auch die Stacheln des Halsbandes sind abgerundet. Bei einem Ruck ‚beißen’ sie deshalb nicht durch die Haut, sie quetschen und drücken ‚nur’. Wer will schon mit einem Hund gehen, dem das Blut vom Hals tropft… Über blauen Flecken liegt als Deckmäntelchen das Fell.
Für diejenigen, die nicht so gern zu dem stehen, was sie tun, gibt es auch getarnte Stachelhalsbänder, die sehen für den Betrachter, wenn der Hund sie am Hals hat, wie ganz normale Lederhalsbänder aus. Die Stacheln sind verdeckt an der Unterseite und ‚beißen’ undercover.
Hunde kündigen auch solchen Teamchefs die Treue nicht auf. Sie können einfach nicht anders.
Bei Chow-Chows und ähnlichen Typen sind noch am ehesten Ansätze von starkem, aktiven Widerstand gegen ignorante Gewaltherrscher zu spüren, weshalb Conrad Lorenz wohl auch eine Zeitlang vermutete, sie würden nicht vom Wolf abstammen.
Ich selbst mochte an meinen Hunden immer besonders, wenn sie klugen Ungehorsam zeigten. Denn diese Situationen gibt es ohne Zweifel, wo Hunde es einfach besser wissen…
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  1. von der-tierarzt-raet gepostet