Klartext: Umgang mit Kinderfressern und Kuscheltieren

Die “Klartexte” sind Texte der bekannten Expertin für Hundeerziehung und -verhalten Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.

„Ist das ein Kampfhund oder ist er lieb?“, fragen mich manchmal Kinder, die einerseits den Wunsch haben, meine Hunde zu streicheln, die aber auch darüber informiert sind, dass es unter Hunden ganz böse, gefährliche Typen gibt. Womöglich kennt so ein Kind die „Bösen“ vom Fernsehen oder aus Zeitungen und hat als Steckbrief dieser bedrohlichen Killer das Zerrbild einer geifernden, weit aufgerissenen Schnauze mit großen Zähnen im Kopf, dazu womöglich noch Bilder von fürchterlich gebissenen, entstellten Kindern, die uns die Presse gern zeigt. Kein Kind kann sich sicher sein, dass ein Hund, der ihm da mit ‚Normalgesicht’ entgegenkommt, womöglich nicht auch zur blutrünstigen Bestie werden kann.
Hinter diesen Kindern stehen oft verunsicherte Eltern, die selbst nie mit Hunden zusammengelebt haben und nur wissen und weitergeben, was die Medien ihnen vermitteln.
Die total Verunsicherten und die in ihrer Ablehnung ganz Sicheren verbieten ihren Kindern jeglichen Hundekontakt, vergleichen Hunde mit Pest und Cholera und hätten sie gern ausgerottet.
Eine zweite Gruppe von Eltern spürt, ohne je selbst mit einem Hund gelebt zu haben, dass die Beziehung zwischen Mensch und Hund, insbesondere auch die zwischen Kind und Hund, bereichernd und innig sein kann. Zudem erleben sie, dass ihre Kinder sich stark zu Hunden hingezogen fühlen und am liebsten jeden Hund umarmen und knuddeln würden. Solche Eltern wünschen sich einerseits Kontakte ihrer Kinder zu den Hunden anderer Leute, weil sie sich selbst aus unterschiedlichsten Gründen keinen Hund halten können oder wollen. Sie fürchten aber andererseits ihr Kind durch den Umgang mit den unbekannten Wesen in Gefahr zu bringen, deshalb suchen sie nach einer Gebrauchsanweisung für den fremden Hund. Am liebsten wäre ihnen sicherlich eine verlässliche ‚Ferndiagnose’ und eine wirksame ‚Fernbedienung’. Die gibt es aber gerade für hundeunerfahrene Leute nicht, da gibt es viel eher gefährliche Falscheinschätzungen wie z.B. Teddyfell und Kulleraugen = lieb, Schwanzwedeln = freundlich, aufgestellte Nackenhaare = böse, Listenhund = gefährlich …
Beruhigend sollte für diese Eltern sein, das zum Glück selbst dann sehr wenig passiert, wenn Kinder fremde Hunde spontan streicheln. Hunde sind in der Regel gar nicht so! Manche genießen die Zuwendung der Kinder und gehen überschwänglich auf sie ein, andere dulden das Streicheln gelassen, wieder andere versuchen sich den Zudringlichkeiten durch Ausweichen zu entziehen, ganz Misstrauische schnappen schon mal warnend, ohne wirklich treffen zu wollen. Sie wollen sich dadurch um sich herum einen Freiraum sichern, und nur ganz wenige wehren sich gegen plötzliche Übergriffe von Kindern, indem sie ernsthaft beißen. Und diese Tiere haben hoffentlich Besitzer, die sie in der Öffentlichkeit nicht unbeaufsichtigt lassen! Hunde, die als Familienmitglieder integriert leben dürfen, schätzen Menschenkinder durchaus als wichtige, schützenswerte Herrschaftskinder und ihr Instinkt sagt ihnen, dass Kinder Überleben und Zukunft für die Gruppe bedeuten.
Trotzdem sollte man das Glück nicht herausfordern und seinen Kindern den sicheren Umgang mit fremden Hunden beibringen, genau wie man ihnen Verhalten im Straßenverkehr oder das richtige Zähneputzen beibringt. Am besten lernt das Kind – und nicht nur das Kind – durch viele positive Erfahrungen. In Sachen Hund heißt das: durch viele gute Hundebegegnungen.
Zunächst gilt es, schon dem kleinen Kind ruhig und ohne Hysterie zu vermitteln, dass man fremde Hunde nicht einfach so anfassen darf:
Ob ein wonniger, wuscheliger Hundezwerg schwanzwedelnd vor einem Geschäft wartet oder ein Riesenhund mit großen treuherzigen Augen durch den Park trottet, ob ein Hundekind mit seinem Bällchen umheralbert oder ein aufgeschlossener Hund von sich aus den Kontakt zum Kind sucht, immer gilt: Kinder sollten spontan keinen Kontakt zu einem fremden Hund aufnehmen, sondern grundsätzlich zuerst den Halter fragen, ob das erlaubt ist. Bei kleinen Kindern sollten die Eltern es vormachen und das Fragen übernehmen. Dabei können die dann auch schon einschätzen und entscheiden, ob sie den Hundehalter für vertrauenerweckend halten. Der Weg zu positiven Hundebegegnungen führt über sympathische, aufgeschlossene Halter. Und solche Leute haben in der Regel auch freundliche Hunde. Es ist nun mal so: Der Mensch und sein Hund entwickeln Ähnlichkeiten. Den richtigen Umgang lernen die Kinder dann ganz selbstverständlich nach und nach (!!!) bei häufigen Realbegegnungen mit verlässlichen Hunden.
Entscheidend wichtig für eine positive Einstellung der Kinder zum Hund ist, dass Eltern ihrem Kind den Hund mit seinen Bedürfnissen positiv vorstellen und nicht etwa das Kind in Panik wegreißen, wenn es sich vertrauensvoll einem Hund nähert. Erklärungen können dem Kind helfen den Hund zu verstehen. Erfragen Sie zunächst den Namen des Hundes, den Ihr Kind gern streicheln möchte, und übersetzen Sie die Erklärungen der Halter kindgemäß, z.B.:
„Max ist ein kleiner Angsthase. Er hat vor fremden Kindern Angst und möchte nicht angefasst werden!“
“ Paula ist schon sehr alt und kann nicht mehr gut gucken. Sie erschrickt, wenn jemand sie plötzlich anfasst.“

“ Mozart ist von Kindern einmal ganz doll geärgert worden. Er mag nicht von Kindern gestreichelt werden.“ Oft ist es das Beste, die Halter selbst über ihren Hund erzählen zu lassen: „

„Milka mag kleine Kinder sehr gerne. Am liebsten lässt sie sich am Hals kraulen.“

„Halte Rocky erst mal deine Hand hin und lass ihn schnuppern, dann weiß er, wer du bist.“
Wichtig ist, dass Kinder Hunde als individuelle Persönlichkeiten vorgestellt bekommen, die genau solche Ängste und Wünsche haben wie sie selbst auch. Vertrautheit kann nur entstehen, wenn Kind und Hund sich kennen und verstehen  lernen.
Wenn Eltern aufgeschlossen Hundekontakte suchen, werden sich bald Bekanntschaften zu Hundehaltern ergeben, die in der Nähe wohnen. Für die Kinder wird es beglückend sein zu merken, dass einige Hunde sie bald ganz persönlich kennen und sich auf Begegnungen mit ihnen freuen.
‚Ganz nebenbei’ und ohne Panikmache sollten Eltern ihren bei den Hundebegegnungen erklären, was Hunde nicht so gerne mögen und was man nicht machen sollte, wenn man einen unbekannten Hund sieht, dessen Besitzer man nicht fragen kann, ob Streicheln erlaubt ist. Aber Achtung: Stellen Sie den Hund nicht als unberechenbare Bestie hin um Ihr Kind zu schützen. Mit einer solchen Verteufelung bringen Sie Ihr Kind in Gefahr, weil es womöglich irgendwann panisch regiert und z.B. kopflos vor einem Hund ausreißt und ins nächste Auto rennt…..
Nicht zu dicht rangehen ( der Hund könnte erschrecken oder sich bedroht fühlen)– den Hund nicht lange fixieren ( unter Hunden heißt das: Ich bin stark, willst du mit mir kämpfen?) – nicht festhalten – nicht umarmen – nicht streicheln – kein Spiel anfangen – nichts zu essen geben ( alles könnte der fremde Hund falsch verstehen und sich unsicher oder sogar bedroht fühlen.) Für Kinder ist dieser Vergleich oft hilfreich: Du möchtest auf der Straße auch nicht plötzlich von einem fremden Menschen den Kopf gestreichelt bekommen oder festgehalten  werden und auch nicht plötzlich ein Eis in den Mund gesteckt bekommen …
Nicht nur das Kind, das sich Hundekontakte wünscht, braucht Unterstützung, sondern auch das arme Kind, das – wodurch auch immer – große Angst vor Hunden hat und jeglichen Hundekontakt vermeiden möchte. Schnell kann solche Angst sich steigern. Jeder Unternehmung außerhalb der eigenen Wohnung wird dann zur Angstpartie. Schon der Weg in die Schule ist dann angstbesetzt, in schweren Fällen sogar unmöglich.
Auch solche Kinder brauchen viele positive Hundebegegnungen möglichst mit Bezugspersonen, die selbst keine übergroße Angst vor Hunden haben. Bei solchen Begegnungen sollte zumindest anfangs das Ziel gar nicht sein, dass das Kind den Hund streichelt. Es soll nur lernen die Nähe von Hunden auszuhalten. Und es soll möglichst viel über die individuellen Eigenarten der Nachbarshunde erfahren, weil dann oft wie von selbst aus der Angst Gelassenheit wird.
Außerdem sind die Eltern solcher Kinder gefordert, ihren Kindern zu erklären, wie sie sich für Hunde uninteressant machen. Dabei ist wieder entscheidend wichtig, dass sie erklären, weshalb Ihre Kinder es so machen sollen:


-keinesfalls weglaufen (Hunde rennen dann hinterher, es ist für sie ein Rennspiel und sie sind immer schneller!)
- keinesfalls mit einem Stock oder sonst wie drohen ( Womöglich sind sie mutig oder panisch und wehren sich)
-keinesfalls schreien ( das macht sie neugierig und sie kommen heran um zu gucken, was los ist )
- keinesfalls mit Steinen werfen ( auch der gutmütigste Hund kann wütend werden, wenn man ihn so behandelt)
-keine Befehle wie SITZ, PLATZ geben ( Hunde wollen nicht von fremden Kindern rumkommandiert werden)
- und sich auch nicht auf den Boden werfen und tot stellen ( auch diese Strategie hat mir ein Grundschulkind ernsthaft genannt, dieses Verhalten macht jeden Hund neugierig und er wird das Kind wahrscheinlich auffordernd lecken …)


Ein Kind ist am sichersten, wenn es für den fremden Hund, uninteressant bleibt. Ein ruhig gehendes Kind ist für einen freilaufenden Hund ohne Reiz. Er wird es nicht weiter beachten, wenn es nicht gerade ein Leberwurstbrötchen oder ein Eis in der Hand hat. Insbesondere junge Hunde, aber auch verfressene erwachsene werden da schon mal schwach und klauen sich das ‚Leckerli’, das sie in Nasenhöhe entdeckt haben. Das ist zwar unerzogen und sollte die Entschuldigung der Halter nach sich ziehen, es ist aber keine gefährliche Attacke des Hundes. Man sollte das geklaute Eis abhaken wie ein Brötchen, das dem Kind in den Dreck fällt. Hunde sind, was Verfressenheit angeht, genau wie Kinder. Oder haben Ihre Kinder während Ihrer Abwesenheit noch nie die Schränke nach Naschkram durchgesucht ? … Beim Spaziergang durch den Park, in dem Hunde frei laufen, sollte ein ängstliches Kind nicht gerade sein Wurstbrötchen essen.
Wer mit Hunden nichts zu tun haben möchte, sollte nicht durch falsches Verhalten auf sich aufmerksam machen.

Kontakte mit den Hunden anderer Leute können nur ahnen lassen, welches Glück die vertraute, gewachsene Freundschaft zwischen einem Kind und dem Hund, der zur eigenen Familie gehört, bedeuten kann.

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