Die “Klartexte” sind Texte der bekannten Hundeexpertin Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.
Leckere Düfte aus der Küche lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Nobelpreisträger Pawlow hat uns gezeigt, dass man jemanden auch zu freudiger Ess-Erwartung und seine Verdauungssäfte zu Fließen bringen kann, wenn man eine Glocke ertönen lässt. Man muss nur für einige Zeit Glocke und Essensausgabe koppeln. Der Pawlowsche Hund – als solcher ist dieser namenlose Versuchshund im Dienste der Wissenschaft berühmt geworden – produzierte nach eine Programmierungszeit (Glocke bedeutet Futter) , sobald er die Glocke hörte, für jedermann sichtbar Speichel und Magensäfte, die aus Schläuchen tropften, die seine internen Körpersäfte nach außen leiteten.
Solche bedingten Reflexe kann man auch bei uns in vielen Lebensbereichen auslösen. Wer stand nicht schon mal erwartungs- und vertrauensvoll vor dem Geldautomaten seiner Bank.
In der modernen Hunderziehung versucht man solche bedingten Reflexe zu programmieren und auszunutzen: So wird empfohlen, dem neben einem sitzenden Hund mit einer Hundepfeife was vorzupfeifen und ihm sofort danach ein besonders leckeres Häppchen zu geben, Geflügelwurst z.B. Über Wochen soll der Hund zunächst ohne Gegenleistung nur lernen, dass der Pfiff bedeutet, dass sein Besitzer was Leckeres rausrückt, er soll also koppeln: Pfiff bedeutet Leckerli, damit er anschließend angerast kommt, wenn er den Pfiff hört. Das klingt ja einleuchtend und klappt auch oft zumindest anfangs gut, wir müssen uns aber klar sein, dass es ein Programmieren des Hundes ist. Er kommt nicht, weil er unsere Aufforderung versteht, dass er zu uns kommen soll, sondern er kommt fürs Leckerli. Unsere Stimme, unseren Ruf, ersetzen wir durch den Pfiff und enthalten dem Hund damit bewusst oder unbewusst all die Untertöne vor, die er aus unserem Ruf heraushören könnte, wie z.B.: Mein Mensch ist aufgeregt, ist wütend, ist ausgeglichen …
Beim Pfeifen nehmen wir uns persönlich sozusagen raus, ersetzen unsere Stimme durch einen eindeutigen, immer gleichen INPUT. Bei der anschließenden Leckerli-Ausgabe, OUTPUT, treten wir wieder in den Hintergrund. Der unpersönliche Pfiff hat gewiss Vorteile. So kann unser Hund nicht heraushören, ob wir ihn ranpfeifen, weil eine Gefahr droht oder sein Rivale aufgetaucht ist, und seine Reaktion darauf einstellen. Unser Ruf würde viel mehr Informationen für ihn enthalten, vor allem würde er Kommunikation mit uns bedeuten, möglicherweise mit der Konsequenz, dass die rübergebrachten Informationen bei ihm unerwünschtes Verhalten auslösen … Sicher aber mit der Konsequenz, dass er uns hört und etwas über unsere Befindlichkeit erfährt.
Die Kopplung ans Leckerli ersetzt nach meiner Beobachtung sehr oft die offen gezeigte ehrliche Freude der Halter über die Leistung ihres Hundes. Frauchen/Herrchen sind so damit beschäftigt, die Fleischwurststückchen aus der Plastiktüte zu fingern, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, sich über ihren Hund zu freuen. Nun sind die meisten Hunde verfressen und mit Leckerlis zu ködern, aber diese Art der Bestätigung ist für sich alleine fragwürdig. Unser Hund, ist ein intelligentes, sozial hochkompetentes Geschöpf, das uns als Partner akzeptiert, ja im besten Falle geradezu faszinierend findet. Braucht unser Hund wirklich diese Gewichtung der Leckerlis!? Haben Sie schon mal beobachtet, dass Hunde untereinander erwünschte Aktivitäten mit Leckerlis belohnen!? Nein, sie ‚sprechen’ miteinander und zeigen Freude. Und schon das Wolfskind wird durch Kommunikation informiert, wie es sich zu verhalten hat, dabei bringen sich die Wölfe des Rudels als Persönlichkeiten ein.
Unser junger Australian Cattle Dog El MO ist lernbegierig und durchaus verfressen. Aber bereits jetzt mit gerade sieben Monaten ist ihm unterwegs meine freudige Anerkennung viel lieber als ein Leckerli, das anfangs durchaus eine Erziehungshilfe war. Er reagiert auf mich, beachtet jeden Unterton in meiner Stimme, hört auf meine Anweisungen und hat mich fast ständig im Auge, weil ich ihm wichtig bin, nicht meine Leckerlis. Ein bestätigendes Nicken oder ein begeistertes ‚Fein, El Mo!’ motiviert ihn viel mehr als Leckerlis. Und eine Pfeife habe ich bei all meinen Hunden noch nie vermisst….
Unterwegs sind El Mo und ich ein Team, das täglich lernt, sich noch ein bisschen besser zu verstehen. Ich bringe mich ein und lasse all die vielen Hilfsmittel, die da rasseln und klicken und pfeifen und trillern und sprühen und stinken und … und… weitgehend außen vor.
Versteckt euch nicht hinter all den Erziehungshilfen, damit der Hund euch noch sehen und verstehen und gern haben kann!
Übrigens, kennen Sie ‚Ihren’ Bankbeamten noch, seit Sie online bankern und mit dem Geldautomaten kommunizieren?
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