Die “Klartexte” sind Texte der bekannten Hundeexpertin Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.
Das Ende der Wölfe
Ein schneller Blick auf die Uhr: Einen kurzen pädagogischen Jagdgang kann sie mit ihren Kindern noch einschieben. Die junge Wölfin schüttelt die Nivea-Dose mit den Steinchen: Ihre Welpen reagieren auf das vertraute Klötern und eilen herbei. Sofort werden sie mit einem Leckerli belohnt. Positive Verstärkung heißt das in der modernen Wolfspädagogik.. Ihre fünf Welpen sind nun schon vier Monate alt und müssen viel lernen.. Das sechste ihrer Kinder ist zur Zeit nicht dabei. Wegen schwerwiegender Erziehungsprobleme hat sie ihren schwarzen Sohn Arpad in ein Erziehungslager zu einer bekannten Wolfsnanny gegeben. Für ihre Kinder ist ihr nichts zu teuer!
Heute muss sie alleine mit den Kindern üben. Ihre Restfamilie hockt vor dem Fernseher und sieht eine Doku-Soap über desolate Wolfsfamilien. Sie macht sich startbereit. Dazu zieht sie ihre Pädagogik-Weste mit den vielen Taschen an, in denen sie ihre Erziehungshilfen griffbereit hat: einen Clicker, Disk-Schellen, leckere Häppchen, eine lange Schleppleine, ein Kopfhalfter mit Leine, ein Elektrohalsband mit Sender, drei verschieden klingende Pfeifen und ein Lehrbuch mit DVD über Welpenerziehung.
So gerüstet läuft sie mit ihren Kindern los, die verspielt und aufgeregt um sie herum hopsen. Schon nach kurzer Zeit sichtet sie ein Kaninchen und befiehlt die Welpen mit einem Pfeifton aus der Welpenpfeife herbei. Es klappt: Die Welpen eilen herbei, das durch den Piepton aufgeschreckte Kaninchen allerdings entschwindet in seinem Bau. Die Welpen fordern für ihr artiges Tun die gewohnte Belohnung ein und bekommen Fleischhäppchen. Mama Wolf ist froh, dass sie auf Fastfood zurückgreifen kann und den Kindern nichts auskotzen muss.
Sie sucht weiter und entdeckt die nächste Übungsbeute: ein Rehkitz, dass sich bewegungslos ins Gras duckt. Wir kennen das schon: Pfeifen, Rankommen der gehorsamen Kinder; sofortiges Bestätigen mit einem Klick, anschließendes Belohnen mit Leckerlis. Kinder auf die Beute aufmerksam machen, die da immer noch rumliegt, weil sie macht, was Rehmama ihr eindringlich befohlen hat. Sie will den Kindern gerade demonstrieren, wie Wolf sich gegen den Wind taktisch clever anschleicht. Aber was macht da ihre freche kleineTochter ?! Sie hopst direkt auf das Kitz zu und hechelt vor Aufregung. Mama greift zu den Disc-Schellen und wirft sie dem voreiligen Kind scheppernd zwischen die Pfoten. Diese Aktion stoppt zwar ihr Kind, bringt aber das fremde Kind, das man gerade erbeuten wollte und schon fast hatte, endlich dazu die Anweisungen seiner Mama zu ignorieren und in Panik zu flüchten. Mama Wolfs Fünfergang vergisst in diesem Moment alle Erziehung und hetzt hinterher. Mama pfeift und scheppert vergebens…. Die Jungjäger nehmen erst ratlos Tempo raus, als das Kitz ihnen abhanden gekommen ist.
Bei aller Liebe! Jetzt reicht es der Mama! Entnervt und wütend greift sie , „Weil ihr es nicht anders verdient habt!!!“ zu Elektrohalsbändern und Schleppleinen, obwohl sie eigentlich was gegen die harte Tour hat. Auf die pädagogische Wirksamkeit dieser Erziehungshilfen hoffend macht sie sich auf den Heimweg. Sie hat es eilig. Als junge moderne Wölfin hat sie es immer eilig …. Um es kurz zu machen: Zwei Kinder mit Schleppleine stoßen zufällig direkt auf einen Hasen, der sie in seiner Sasse ‚aussitzen’ wollte, und rasen hinter ihm her. Leider verfangen sich ihre Leinen im Unterholz. Die Kleinen strangulieren sich langsam beim vergeblichen Versuch sich loszureißen….. Die drei Welpen mit den Elektro-Halsbändern wollen auch hinter dem Hasen her. Der Stromstoß, den Mama in diesem Moment auslöst, stoppt zwar ihre Jagd, versetzt die Welpen aber in eine unvorhergesehene Panik. Völlig kopflos laufen sie schreiend durch die Gegend. Mamas Rufen hören sie gar nicht mehr. Zwei von ihnen geraten in ihrer Angst auf eine Schnellstraße und im Nu hat ihre Angst ein Ende ….. Die moppelige Silbergraue kommt nicht bis zur Straße. Sie schleicht sich schließlich zu ihrer Mutter zurück und sucht zitternd bei ihr Schutz. Mama lässt an diesem Tag alle weiteren Termine ausfallen.
Abends kontaktet sie den Vater der Kleinen, von dem sie sich schon kurz nach der Paarung getrennt hat, Für eine engere Beziehung schien er ihr ungeeignet. Er will die Tochter aber auch nicht übernehmen und rät seiner Ex, das Kind erst einmal in einem Wellness-Wölfchen-Hotel unterzubringen und sich selbst zu erholen. Dann würde man weiter sehen.
Das trug sich in den Jahren zu, als die Wölfe völlig überraschend sehr schnell ausstarben, obwohl von Menschenseite viel zu ihrem Schutz getan wurde. Die Wissenschaftler betreiben noch Ursachenforschung.
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